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Happiness Journey

„Haltet das Hamsterrad an – ich steige aus!“

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Das gute alte Hamsterrad…wer kennt es nicht? Der Wecker klingelt morgens um 6 Uhr, man quält sich aus dem Bad, zwingt sich zu den nötigen „Restaurationsarbeiten“ (duschen, seltsame Haarverknotungen in eine Frisur umarbeiten, Augenschatten notdürftig mit Concealer verdecken, ein bisschen Wimperntusche, Rouge und Lippenstift auftragen), ein halbwegs bürotaugliches Outfit aus dem Schrank heraussuchen, eilig einen Kaffee trinken und vielleicht noch einen Toast oder ein Müsli runterschlingen – alles irgendwie träge und halbherzig, begleitet vom ständigen Blick auf die Uhr und dem Gedanken „Boah, ich hab keinen Bock!“

„Haltet das Hamsterrad an – ich steige aus!“

Dann geht es weiter: man schnappt sich die Handtasche, die gefühlt den halben Haushalt enthält, da man ja weiß, dass man erst am Abend wieder nach Hause kommt und zwischendurch für alle Eventualitäten gerüstet sein will. Auch sollte der Stapel Altpapier (Pizzakartons, Kartons diverser Online-Bestellungen in allen Größen und Formen) langsam mal die Küche verlassen, also wird die große Altpapiertasche über die linke Schulter gehängt. Ach ja, nach der Arbeit geht es ja noch weiter zum Aquafitness, damit der Büro-Rücken sich erholen darf – also muss auch noch die große Sporttasche über die rechte Schulter gehängt werden. Der Versuch, alles auf einmal zum Auto zu schleppen, scheitert schon im Treppenhaus: die Kartons verteilen sich lustig auf den Treppenstufen, die Sporttasche rutscht direkt mit von der Schulter, dabei fällt die Brotdose aus der Handtasche (die natürlich nicht mehr mittels Reißverschluss geschlossen werden kann, da sie überquillt) und während man hektisch alles wieder aufsammelt, denkt man nur „Es ist einfach zum Kotzen!“

Endlich am Auto angekommen: Es wird alles in den Kofferraum geladen, man steigt ein – und versucht mit mäßigem Erfolg, bloß nicht mit der Kleidung das Auto zu berühren, denn die letzte Autowäsche ist mal wieder einigen Wochen her…in der wenigen Freizeit, die einem bleibt, müssen Nichtigkeiten wie eine Autowäsche ganz hinten anstehen. Auch wenn man sich permanent ärgert, dass das Auto ständig die Farbe „Mattgraubraunblütenstaubgelb“ trägt, obwohl es doch eigentlich in schwarz-metallic lackiert ist. Dann geht es weiter: Motor an, Gang rein – und erst mal Schulkinder und andere Fußgänger vorbeilassen, deren Weg natürlich an der Einfahrt vorbeiführt. Zwischendurch immer wieder ein genervter Blick auf die Uhr. Nach einer Fahrt von 30 Minuten (es könnten 20 Minuten sein, wären da nicht Müllwagen, Schulbusse, Baustellen, …) kommt man endlich am Büro an. Super, auf dem Parkstreifen ist noch eine große Lücke frei. Schnell wird in der Seitenstraße gedreht – und zack – in der schönen großen Parklücke hat es sich ein anderes Auto gemütlich gemacht. Man kurvt also noch ein bisschen durch die Gegend – wobei die Uhr natürlich nicht aus den Augen gelassen wird – und kommt schließlich endlich im Büro an. Eigentlich fühlt man sich schon schlapp und ausgelaugt, bevor man sich mit seiner Kaffeetasse an den Schreibtisch gesetzt hat und die Aktenstapel sichtet, die bearbeitet werden müssen. Die Büroarbeit läuft dann wie immer: Akten wälzen, Telefonate führen, die großen und kleinen Probleme der Kunde lösen. Eigentlich nichts Weltbewegendes oder sonderlich Stressiges. Trotzdem hat man das Gefühl, dass jedes Telefonat und jeder Blick in die Akten mehr und mehr Energie rauben. Endlich ist Mittagspause. Man isst schnell etwas, geht vielleicht noch eine Runde spazieren und lässt die Gedanken immer wieder zu den Akten wandern, die noch auf dem Schreibtisch liegen und führt im Geiste schon mal alle Telefonate, die nach der Pause noch abzuarbeiten sind. Das sind meist die Telefonate, die man vormittags aufgeschoben hat. Telefonate mit Konfliktpotential, zu denen man sich einfach noch nicht überwinden konnte. Es kommt zu fragwürdigen inneren Dialogen (tatsächlich Dialoge, keine Monologe…es gibt nämlich eine Art innere Stimme, die gern die Rolle des Gesprächspartners einnimmt und dabei viele unschöne Dinge sagt…) in denen man sämtliche Szenarien durchdenkt, die natürlich immer mit dem Worst Case enden.

Wieder am Schreibtisch angekommen merkt man dann, dass die Telefonate, die man aufgeschoben hat, eigentlich harmlos waren. Meist läuft doch alles gut und man ärgert sich, dass man sich die schöne Pause mit den negativen Gedanken versaut hat. Man kann wieder aufatmen und merkt im Zuge dessen, dass der Rücken und die Schultern total verspannt sind, der Kopf schmerzt von der Arbeit am Bildschirm und die 16-Uhr-Müdigkeit schlägt voll zu. Besonders produktiv ist man nun nicht mehr, aber trotzdem rufen Kunden an, kommt „Laufkundschaft“ vorbei und es will verschiedenster Schriftverkehr erledigt werden. Man denkt sich: „Warum zum Henker tue ich mir das an?“ Immer mehr am Limit angekommen, schielt man zur gepackten Sporttasche und fragt sich „Soll ich da gleich wirklich noch hin?“ Hat man sich morgens noch auf die Sportstunde am Abend gefreut, erscheint sie einem jetzt nur noch als zusätzliche Geißel.

Aber es nützt ja alles nichts, aus Angst, irgendwann einen Bandscheibenvorfall zu erleiden, rafft man sich nach Feierabend noch auf und fährt ins Schwimmbad. Die Sportgruppe ist ein bunt gemischtes Grüppchen aus Frauen aller Altersstufen. Einige von ihnen haben Kinder und arbeiten nur noch halbtags, manche sind bereits Rentnerinnen. Neidisch hört man zu, wie sie erzählen, dass sie am Nachmittag mit der Freundin ein Eis essen waren, oder mit ihren Kindern den Zoo besucht haben. Davon kann man selbst nur träumen. Wie schön es wäre, den Nachmittag mal wieder an einem anderen Ort, als dem Büro zu verbringen! Statt auf den Bildschirm zu glotzen in einem Café zu sitzen und mit der Freundin zu quatschen – ein Traum! Ein Traum, der sich leider nur im Urlaub verwirklichen lässt…und der ist noch in weiter Ferne. Man bemitleidet sich noch ein wenig selbst, dann geht es unter die Dusche und endlich ab ins Schwimmbecken. Die Bewegung tut gut und es macht richtig viel Spaß! Man versteht nicht mehr, warum man vorher das Gefühl hatte, es einfach nicht zum Sport zu schaffen. Nachdem man ausgepowert wieder im Auto sitzt, holt einen ein Blick auf die Uhr wieder in die Realität zurück. Schon fast 21 Uhr! So Spät? Zu Hause muss noch die Sporttasche ausgepackt werden. Der nasse Badeanzug will durchgewaschen und zum Trocknen aufgehängt werden. Die nassen Handtücher müssen ebenfalls schnell aus der Tasche und auch alles andere muss wieder an seinen Platz. Dann schminkt man sich noch hastig ab, um um 21.3o Uhr endlich auf der Couch zu sitzen. Ein bisschen will man ja auch noch vom Tag haben. Man greift zu dem Buch, auf das man sich schon so lange freut…und – es war klar – nach zwei Seiten ist man im Land der Träume, das Buch knallt auf´s Laminat, reißt vorher noch die Teetasse mit sich…man ist wieder hellwach, wischt schnell den Tee vom Fußboden auf und denkt sich „Das war jetzt mein Abend? Das ist mein Leben für die nächsten 30 Jahre?“ Es kommen einem fast die Tränen vor lauter Selbstmitleid und man fragt sich, ob man nicht eigentlich der totale Jammerlappen ist.

Und die Antwort lautet: JA! Man ist ein Jammerlappen! Und es muss doch auch anders gehen. Wie? Das wird sich noch zeigen. Ab jetzt heißt es: „Haltet das Hamsterrad an, ich steige aus!

2 Antworten auf „„Haltet das Hamsterrad an – ich steige aus!““

Thank you for commenting on my article! I´m sorry that it took me so long to answer. I hope you and your family are well and stay healthy in these hard times we have to go through.

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